Wenn wir mit Kescher und Sieb in der Seeve stehen, geht es ausnahmsweise einmal nicht um Fisch. Wir
bestimmen den Saprobienindex – eine Methode, mit der sich die Belastung eines Gewässers an seinen
Bewohnern ablesen lässt. Es werden Organismen des Makrozoobenthos bestimmt und gezählt und
anhand dessen Rückschlüsse auf die Qualität des Biotops gezogen. Was dabei zuletzt an den
Gastanglerteichen herauskam, möchten wir hier vorstellen.

Die untersuchten wirbellosen Tiere leben über Monate, manche Arten sogar über Jahre an derselben
Stelle im Fluss, sodass sie ein umfassenderes Bild des Gewässers wiedergeben, als es zum Beispiel eine
chemische Untersuchung tun würde. Eine kurzzeitige Einleitung von Schadstoffen wäre nur wenige
Stunden lang nachweisbar – die Tiere hingegen würden großflächig verschwinden oder wenigstens in
ihrer Anzahl stark abnehmen, und zwar noch Wochen später.
Die verschiedenen Arten von Fließgewässern und Wasserqualitäten haben dabei jeweils ihre eigenen
Indikatoren. Nicht jede Larve sagt etwas aus, jedoch gibt es viele, die nur ein enges Spektrum von
Lebensraum und Wasserqualität besiedeln. Aufgrund dieser Zusammenhänge kann man bestimmten
Arten jeweils eine Kennziffer zuordnen, den Saprobienwert: grob zwischen 1,0 für die Anspruchsvollsten
und 4,0 für die Unempfindlichsten.

Früher wurde bei der Ermittlung des Saprobienindex lediglich die jeweilige Häufigkeit mal Kennziffer
genommen, diese Werte für alle Arten addiert und das Ganze durch die Summe der Häufigkeiten geteilt
– voilà: Saprobienindex. Mit dem Fortschritt der Forschung hat sich daran einiges geändert.
Zum Beispiel wurde genauer untersucht, welche Organismen besonders empfindlich reagieren und
welche eher tolerant gegenüber geringen Beeinträchtigungen sind. Um diesem Zusammenhang
Rechnung zu tragen, wurde ein Gewichtungsfaktor eingeführt, das sogenannte Indikationsgewicht.
Dieses sorgt dafür, dass bestimmte Arten im Ergebnis stärker zählen als andere. Außerdem wurden
früher für die Klassifikation der besten Gewässergüten Arten angesetzt, die praktisch nur in
Gebirgsbächen vorkommen. Für Tieflandbäche war es also nahezu unmöglich, eine „sehr gute“ Güte zu
erreichen, selbst wenn der Zustand vergleichsweise naturnah wäre. Diesem Zusammenhang wird
Rechnung getragen, indem man jedem Gewässertyp einen Richtwert für den „Soll-Zustand“ zuordnet.
Ein Fließgewässer der Alpen sollte in gutem Zustand einen Wert von 1,10 bis 1,25 erreichen, bei einem
sandgeprägten Strom werden dagegen 1,85 bis 2,00 erwartet. Dasselbe Tier kann also in zwei
unterschiedlichen Gewässern eine unterschiedliche Güte anzeigen.

Für uns heißt das, dass wir den Indikatorwert bestimmter Organismen und den sich ergebenden
Saprobienindex immer im Hinblick auf den „Urzustand“ oder „Urcharakter“ des Flusses beziehen müssen
– in unserem Fall ein kiesgeprägter Tieflandbach. Damit ist nicht gemeint, dass die Seeve jetzt
kiesgeprägt sei, sondern dass sie es in ihrem Urzustand war. Aufgrund des eiszeitlichen Untergrundes
aus Endmoränenmaterial und alter Überlieferungen ist davon auszugehen, dass unser Flüsschen einmal
eine weitgehend durchgehend steinig-kiesige Sohle hatte – auch wenn das im Moment schwer
vorstellbar ist. Über Jahrtausende hatte der Fluss damals den Sand ins Meer getragen und je nach
örtlichem Gefälle eine mehr oder weniger feine Kiesschicht auf der Sohle „sortiert“.
Ein Großteil davon ist verschwunden, als der Fluss begradigt wurde. Anstatt den Sand im Bett
auszuwaschen und nur grobes Substrat zurückzuhalten, wurde der Bach in eine neu gegrabene Rinne mit
Sandsohle verlegt. Ein weiterer Teil des Kieses liegt heute unter dem Sand begraben, den der Fluss nun
transportiert. Natürlich kommen ganz viele Gründe für den Sandtrieb und die Eintiefung zusammen –
dazu ein andermal mehr.
Wir haben nun also viel Sand, wo eigentlich Kies sein sollte. Dieser bietet keinen Schutz, keine
Möglichkeit, sich festzuhalten, und kaum Nahrung. In reinem, blankem Sand finden wir beim Keschern
praktisch nichts – erst wo Detritus eingelagert ist, also feines organisches Material, wird es überhaupt
interessant. Es gibt natürlich auch hier Organismen, die diesen Lebensraum besiedeln, diese sind aber
einerseits häufig nicht auf das saubere, kalte Wasser wie in der Seeve spezialisiert, und außerdem
werden Sandorganismen in einem Bach, der in der Sollvorstellung kiesgeprägt ist, in der Bewertung
schlechter eingestuft.

Im August haben wir an den Gastanglerteichen zwei Untersuchungen durchgeführt: im Sand direkt
oberhalb der Strukturverbesserung sowie im Kies innerhalb des verbesserten Bereichs. Wenige Meter
Abstand, derselbe Tag, dasselbe Wasser.
Das Ergebnis war deutlicher, als wir erwartet hatten. Im Sand fanden wir acht Indikator-Taxa, im Kies
zehn – und genau eine Art kam in beiden Proben vor: der Bachflohkrebs Gammarus pulex. Alles andere
war jeweils nur auf der einen oder der anderen Seite zu Hause. Auch die Vielfalt selbst ist schon zu
erkennen: Wo das Substrat abwechslungsreicher ist, finden wir mehr unterschiedliche Arten.

Im Kies saßen die Anspruchsvollen: die abgeflachte Nymphe der Ecdyonurus-Gruppe, die sich an
strömungsumspülte Steine drückt, die Köcherfliegen Sericostoma und Agapetus, die Steinfliege Leuctra,
dazu der Strudelwurm Dugesia gonocephala und die Flussnapfschnecke Ancylus fluviatilis – beide auf
feste Unterlagen angewiesen. Sechs der zehn Arten tragen den Wert 1,5, kein einziges Tier dieser Probe
deutet auf stärkere Belastung hin.
Im Sand sah es anders aus. Dort beherrschte die Erbsenmuschel Pisidium amnicum das Feinsediment,
dazu kamen die Wasserassel Asellus aquaticus, die Schlammfliegenlarve Sialis-spec. – und mit Tubifex
und der Chironomus riparius-Gruppe zwei Tiere, die als Anzeiger für sauerstoffarme, organisch belastete
Böden gelten. Als Referenz gelten für einen kiesgeprägten Tieflandbach 1,25 bis 1,40 – das erreicht
bislang keine unserer Proben. Dennoch ist deutlich zu erkennen, dass wir im Kiesbereich mit einem Index
von 1,65 näher am Soll-Zustand liegen als im Sandbereich mit 2,13.

Man könnte nun meinen, oberhalb der Strukturverbesserung sei das Wasser schlechter. Das ist es nicht
es ist buchstäblich dasselbe Wasser, das wenige Sekunden später über den Kies fließt.
Was sich unterscheidet, ist der Boden. In lockerem Sand kommt kaum Strömung zwischen die Körner,
Feinmaterial und organischer Schlamm setzen sich ab, und der Sauerstoff wird knapp – nicht im Fluss,
sondern im Lückenraum, also genau dort, wo die Tiere leben. Wer das aushält, bleibt. Wer Sauerstoff
und Halt braucht, ist längst weg. Im Kies dagegen strömt Wasser durch die Zwischenräume, es gibt
Deckung, Anheftungsflächen und Nahrung.
Und noch etwas gehört zur Wahrheit: Der Sand ist kein toter Lebensraum – jedenfalls dann nicht, wenn
Detritus dazukommt. Genau deshalb heißt unsere Probe „Sand mit Sediment“: Wo wir nur blanken Sand
hatten, war praktisch nichts zu finden. Wo feines organisches Material eingelagert war, saß zuverlässig
Ephemera danica darin, die große Eintagsfliege aus unserer letzten Mail. Es geht also nicht darum, den
Sand ganz loszuwerden, sondern darum, den Sandtrieb zu verringern und die Vielfalt des Lebensraums
durch Struktur Stück für Stück aufzubessern – Kies als prägendes Element, Sand und Detritus an Bänken
und Auflagerungen, so wie der Fluss es von sich aus sortiert hätte.

Durch den gezielten Einbau von Totholz können wir diese natürliche Dynamik unterstützen. Die von uns
eingebauten Strömungslenker bündeln die Strömung örtlich, um vorhandenen Kies freizuspülen und
innerhalb des verbauten Geästs Sediment festzuhalten. So kann der Kies von strömungsliebenden
Organismen besiedelt werden und das Feinsediment von grabenden Larven. Hier steht uns ein langer
Weg bevor, denn im natürlichen Zustand wäre eine praktisch durchgehende kiesige Strömungsrinne zu
erwarten. In dieser würden die Organismen des Makrozoobenthos nicht nur „an einem Stein leben“,
sondern auch stromauf wandern und sich weiter ausbreiten.
Es ist deutlich zu sehen, wie stark die Lebensgemeinschaft eines Gewässers an seiner Struktur hängt
und dass wir mit unseren Maßnahmen etwas bewirken!
Wir möchten uns in diesem Zuge daher auch bei den vielen fleißigen Helfern bedanken, die bei unseren
Maßnahmen tatkräftig mitarbeiten, um gemeinsam unseren Fluss zu verschönern und zu verbessern!